Schmerzen der alten Menschen
Noch immer werden Schmerzen
alter Menschen viel zu oft nicht beachtet oder in ihrer Intensität
unterschätzt.
Viele Bewohner in Pflegeheimen leiden unter chronischen Schmerzen,
die zu meist keine ausreichend adäquate Therapie erhalten.
Somit leben und sterben sie mit ihren Schmerzen. Bis vor
nicht allzu langer Zeit waren die Schmerzen alter Menschen
für die Medizin überhaupt kein Thema. Man nahm
an, daß mit zunehmendem Alter die Schmerzempfindlichkeit
stark absinkt und kümmerte sich nicht weiter darum.
Heute weiß man, daß alte Menschen ihren Anspruch
auf Hilfe in der Regel nicht mehr laut genug geltend machen
können. Aber auch heute werden Schmerzen häufig
nicht erkannt, zu wenig ernst genommen oder gar völlig
bagatellisiert. Die Palliative Schmerztherapie hat in den
Alten- und Pflegeheimen z. Zt. noch einen zu geringen Stellenwert,
obwohl die Schmerzfreiheit oder zumindest die Schmerzerträglichkeit
der am häufigsten geäußerte Wunsch von alten
Menschen ist. Dabei wird deutlich dass die Schmerztherapie
noch viel weiter ausgebaut werden muß. Die passende
Applikation von schmerzlindernden Medikamenten ist noch immer
nicht ausreichend gewährleistet. Begründet liegt
das in der meist unzureichenden palliativ-geriatrischen Ausbildung
von Ärzten, sowie der Vorstellung, „Medikamente mit
Suchtpotential“ zu verschreiben. Dazu kommt die erschwerte
Kommunikation zwischen alten Menschen, Ärzten und Pflegepersonal.
Infolge ihrer schweren Erkrankungen und Behinderungen sind
die Betreuten oft nicht mehr in der Lage, ohne weiteres sich
allgemein verständlich mitzuteilen. Oft sind alte Menschen „sprachlos“ zum
Beispiel infolge von Aphasie, Sprachstörungen nach einem
Schlaganfall, und können uns nicht sagen, wie sehr sie
leiden.
Schwerhörigkeit und Taubheit verhindern ein Gespräch.
Übergroße
Schwäche kann selbst die kleinste
Bewegung unmöglich machen.
Starke Atemnot lässt
oft keinen Hilfeschrei zu.
Mimik und Körpersprache sind
abgeflacht (fehlen).
Je jünger ein Mensch ist, desto besser kann er uns
mit seinem Gesichtsausdruck Auskunft über sein Lebensgefühl
geben.
Im hohen Alter bleibt davon oft nur wenig übrig.
Es ist immer schwieriger, manchmal vollends unmöglich,
jemanden den Schmerz „vom Gesicht abzulesen“. Ein 90jähriger
kann mit völlig unbeweglichem Gesicht versichern, dass
er starke Schmerzen hat – und es entspricht der Wahrheit.
Verwirrtheit und Demenz verhindern auch oft den Ausdruck
von Schmerz. Die Annahme, dass ein Mensch, der nicht mehr
folgerichtig denken kann, auch keine Schmerzen empfindet,
ist ein verbreiteter Irrtum.
Jeder Mensch bleibt, unabhängig
von Alter, Krankheit und Leistungszustand seines Gehirns,
ein fühlendes Wesen.
Jeder behält die Fähigkeit zu leiden. Demente können
ihren Schmerz nicht mehr in allgemein verständlicher
Weise beschreiben. Sie wissen vielleicht nicht einmal, dass
das, was sie gerade quält, „Schmerz“ ist und sie können
uns nicht mehr um Hilfe bitten. Sie leiden ebenso wie jeder
andere, nur können sie ihren Schmerz nicht verarbeiten
und sind ihm daher noch hilfloser ausgeliefert.
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