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Wo auch die Würde stirbt

von Georg Wedemeyer

Der letzte Weg ist lang und schäbig. Hunderttausende von Alten dämmern in deutschen Heimen und Krankenhäusern ihrem Ende entgegen - gut verwaltet, aber körperlich und seelisch vernachlässigt. Resignierte Pfleger und Experten klagen:
Selbst Tiere werden besser behandelt.
Georg Wedemeyer

Es war ein sonniger Morgen, sieben Uhr. Zum ersten mal an diesem Tag betrat Pfleger Jörg das Zimmer von Frau Meister. Der übliche Kontrollgang. Er merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. „Kaltschweißig“ sei die 87-jährige gewesen, und ein besonderer Geruch habe das Zimmer erfüllt. „So süß und säuerlich.“ Pfleger Jörg ist vorsichtig. Er sagt nicht: „Ich habe den Tod gerochen.“ Er sagt „manche können riechen, wenn der Tod kommt.“ Fieber hatte die alte Dame nicht. Trotzdem dachte Jörg beim Gang ins nächste Zimmer: „Vielleicht stirbt die Meister Heute.“

Der Geruchsinn eines Altenpflegers sollte nicht übermäßig entwickelt sein. So gut eine Station auch geführt sein mag, „Kaltschweißigkeit“, gefüllte Windeln – man hat welche mit 3,8 Liter Fassungsvermögen entwickelt -, Verschüttetes und Erbrochenes bilden eine Art Dauerdunst im Haus. Da hilft auch kein Lüften.

Alten- und Pflegeheime sind die Orte, an denen mehr und mehr Menschen in Deutschland ihre letzten Wochen und Monate verbringen. Es gibt kaum Zahlen – weil hierzulande für die Statistiken nur die Todesursache, aber nicht der Ort des Sterbens erfasst wird. Als Forscher um den Mainzer Psychologisprofessor Randolf Ochsmann 1995 wenigstens für Rheinland-Pfalz Daten sammeln wollten, mussten sie tief in die Keller der Gesundheitsämter steigen, um die Leichenschauscheine von rund 20.000 Toten auszuwerten.

Danach sterben rund 58 Prozent aller über 70-jährigen nicht zu Hause, sondern entweder im Krankenhaus (41 Prozent) oder im Altenheim (17 Prozent). Je älter man wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, in einem Heim zu sterben. Das gilt besonders für Frauen, die viel seltener zu Hause gepflegt werden als Männer. Jenseits der 90 stirbt jede dritte Frau im Heim und nur noch jede vierte im Krankenhaus. Bis diejenigen, die dieses lesen, so weit sind, wird der Prozentsatz noch höher sein. Denn in Zeiten der Intensivmedizin dauert das Sterben nicht mehr wenige Wochen wie früher, als die meisten von der „Schwindsucht“ oder vom „hitzigen Fieber“ dahingerafft wurden. Das Ende nähert sich schleichend über viele Monate, manchmal Jahre. Man lässt den Körper nicht den Weg gehen, den der Geist oft schon genommen hat, wenn Vergesslichkeit zur Demenz geworden ist. Dann bleibt oft nur das Pflegeheim. Zusammen mit den Abgeschobenen aus den Kliniken sammelt sich dort eine Klientel, die immer älter und kränker wird. „Die Gesellschaft macht die klassischen Altenwohnheime mehr und mehr zu Sterbeorten“, sagt der fränkische Diakoniepfarrer Frank Kittelberger. Das sein im Prinzip nichts Schlechtes, „nur dürfen wir uns dann nicht aufregen, wenn das 3.000 Euro und mehr im Monat kostet“.

Am Lebensende wird im reichen Deutschland gegeizt. Als Frau Meister vor vier Jahren einen besonderen Liegerollstuhl benötigte, damit man sie wenigstens ab und zu noch an die frische Luft schieben konnte, lehnte die Krankenkasse eine Kostenübernahme ab. Dieses sei keine medizinische, sondern eine „pflegeerleichternde“ Maßnahme, hieß es, also müsse sie im Pflegesatz enthalten sein. Fatalerweise hat die Pflegeversicherung das Leid der Alten verschärft – „Fluch der guten Tat“ hat das einmal ein Sozialpolitiker genannt. Seit sie 1995/96 eingeführt wurde, wird scharf zwischen Therapie und Pflege getrennt. Krankenhäuser entlassen Pflegefälle rigoros, oft in erbärmlichen Zustand.

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