An
die Redaktion der
Deister-Leine-Zeitung
Bahnhofstr. 5
30890 Barsinghausen 22.04.2004
Sehr geehrte Redaktion
In der 14. Kalenderwoche haben Sie über
die Missstände
in vereinzelten Pflegeheimen "Alte werden nachts ruhig gestellt" berichtet.
Darüber möchten wir nun auch mal unsere Meinung
als Altenpflegerinnen äußern.
Da sollen in zehn
Pflegeheimen in Niedersachsen alte Menschen ohne Ihr Wissen
und ärztlicher Verordnung mit starken
Beruhigungsmitteln ruhig gestellt worden sein. Das ist zweifellos
eine unverantwortliche Handlungsweise an den alten Menschen.
So etwas darf nicht vorkommen, zumal wir noch nicht mal Schmerzmittel,
z.B. bei Kopfschmerzen eine Paracetamol-Tablette ohne ärztliche
Verordnung verabreichen dürfen. Aber warum hören
und lesen wir immer von Entgleisungen in den Pflegeheimen?
Einen wirklich nicht unerheblichen Anteil an diesen unwürdigen
Missständen in manchen Pflegeheimen sind die Rahmen-
und Arbeitsbedingungen, unter denen wir Pflegekräfte
arbeiten müssen. Das soll keine Entschuldigung für
die Missstände in Pflegeheimen sein, aber die Arbeitsbedingungen
tragen unabdingbar dazu bei. Mit der Einführung der
Pflegeversicherung haben viele geglaubt, jetzt ändert
sich etwas für die alten Menschen, aber die Situation
hat sich nicht gebessert, sie ist nur noch schlimmer, wenn
nicht sogar untragbar geworden. Wir ertrinken in Bürokratie
und pflegen die Menschen im Minutentakt (Fließbandarbeit).
Die Pflegebedürftigkeit wird nur nach den drei Dingen
des täglichen Lebens ausgerichtet, (das sind die Körperpflege,
Ernährung und die Mobilität), aber nicht an dem
tatsächlichen Betreuungsbedarf des alten Menschen. So
ist für jede Verrichtung (z. B. Waschen, Haarkämmen,
Nahrungsaufnahme, Toilettengang) eine bestimmte Zeitvorgabe
vorhanden. Für den Stuhlgang sind drei Minuten vorgesehen
(das muss man sich mal vorstellen). Alle diese Zeiten werden
am Ende addiert und aus der Anzahl der Minuten ergibt sich
dann die Pflegestufe. Darin sind aber keine Gespräche,
Spaziergänge oder besondere Wünsche berücksichtigt.
Für die Sterbebegleitung bleibt schon gar keine Zeit.
So pflegt man doch keine Menschen, so arbeitet man doch allenfalls
an und mit Maschinen.
Hinzu kommt, immer weniger Pflegekräfte
(niedriger Personalschlüssel) müssen immer mehr
schwerstpflegebedürftige
und altersverwirrte Menschen betreuen. Z.B. in manchen Pflegeheimen
sind für 40 Bewohner/innen, zum Teil mit starken Demenz
Erkrankungen, die einen erhöhten Betreuungsbedarf haben,
nur eine Nachtwache eingesetzt, oder zwei Nachtwachen für
120 Bewohner/innen. Im Tagdienst wird nicht selten zwölf
Tage in Folge gearbeitet, um endlich ein freies Wochenende
zuhaben. Nicht selten wird man dann auch noch aus dem freien
Wochenende geholt, um mit einem Tag einzuspringen. Dementsprechend
summieren sich die vielen Überstunden und eine Überlastung
des Pflegepersonals ist damit vorprogrammiert.
Wir brauchen
mehr Pflegekräfte, doch leider findet
dieser anspruchsvolle Beruf in unserer Gesellschaft noch
immer nicht die Anerkennung, die ihm zusteht. Noch immer
wollen zu viele Menschen mit Krankheit, Siechtum, Sterben
und Tod nicht konfrontiert werden. Eigenartig, wenn man bedenkt,
das jeder Mensch alt werden kann und dies für viele
den Aufenthalt in einem Pflegeheim bedeutet. Die geringschätzige
Wertung dieses Berufes hat auch zur Folge, dass zu wenige
jüngere Menschen motiviert werden den Beruf zu ergreifen.
Angesichts der demographischen Entwicklung in den nächsten
Jahrzehnten mit zunehmenden schwerstpflegebedürftigen
und altersverwirrten Menschen braucht die Altenpflege aber
dringend mehr Altenpflegekräfte.
Die Politiker werden
immer wieder aufgefordert, endlich bessere Bedingungen in
der Altenpflege zu schaffen. Oder stellen sich unsere Politiker
ihr eigenes Alter nicht vor? Muss man annehmen, dass Politiker
davon verschont bleiben? Denn sonst würden Sie daran
denken, wenn Sie Gesetze machen um bessere Lösungen
zu finden.
Die Öffentlichkeit muss immer wieder für
die Problematik, unter den die alten Menschen und auch wir
Altenpflegekräfte
leiden, sensibilisiert werden. Wir brauchen menschenwürdige
Arbeitsbedingungen um menschenwürdig pflegen zu können.
Mit freundlichen Grüßen
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